Autostrada Supertrans
Premiere of my trilogy on transness & monstrosity
[English below]
Ich schreibe diesen Text im ICE auf der Rückreise von meiner Premiere in Zürich. Ich schaffe es nicht mehr, Intercity-Express zu fahren, ohne an die US-amerikanische Abschiebepolizei zu denken. Während meine Protagonisten auf der A6 a.k.a. Autostrada Verdemare auf das grüne Meer zu rasen, schießt der Hochgeschwindigkeitszug mit mir drin durch die süddeutsche Dämmerung in rosa und azurblauen Tönen.
Am Samstag vor einer Woche wurde der dritte Teil meiner fürs Schauspielhaus Zürich entstandenen Trilogie STÜTZLIWÖSCH SUPERTRANS uraufgeführt. Knapp zwei Jahre sind zwischen meinen ersten Dialogskizzen im Februar 2024 und der Premiere von STÜTZLIWÖSCH SUPERTRANS – TRE vergangen. Damals schrieb ich die ersten 10 Seiten für das Delfi Magazin. Ich will sagen: “Damals war die Welt noch eine andere.” Aber ich glaube nicht an diese Behauptung: Die Welt war vor zwei Jahren schon genau die, die dazu geführt hat, dass wir jetzt in der Realität leben, in der wir leben.
Seit dem Probenbeginn von STÜTZLIWÖSCH SUPERTRANS – UNO im September hat die Bedrohung für trans* Personen weltweit massiv zugenommen: Deutschland will wieder Listen mit den Daten von genderqueeren und trans* Personen einführen, die USA befinden sich Historiker*innen zufolge in der frühen Phase eines Genozids an trans* Amerikaner*innen, in Großbritannien müssen trans* Personen mittlerweile durchschnittlich 25 Jahre auf einen Ersttermin für geschlechtsangleichende Maßnahmen warten. Während all das sich addierte, haben Regisseur*in Sarah* Claire Wray und das Schauspielensemble von STÜTZLIWÖSCH SUPERTRANS – TRE in der Kammer des Schauspielhaus Zürich den dritten Teil geprobt. Wenige Tage vor dem Wolfsmond, dem ersten Vollmond des Jahres, feierte die letzte Episode mit dem Titel CACCIA (It. für “JAGD”) Premiere.
Nach den ersten beiden Episoden, die von Dennis Nolden (UNO) und Other Issues (DUE) inszeniert wurden, erzählt TRE auf unheimliche Weise von der gewaltvollen Fixierung der katholischen Dorfbewohner*innen auf das “transsexuelle Monster”, das sie in Matteo, dem Protagonisten, sehen; von der Jagd auf den einen, der anders ist. Sie erzählen ihn zu einem haarigen, gierigen Ungetüm, das dem Dorf gefährlich wird.
They are a pack / of hyenas, showing you that nothing is wolf enough / when it is outnumbered. / [...] You do not have to be a wolf / to survive. You run off into the shadows, / tail between legs, but still breathing.
Logan February, “Self-Portrait as Pussyboy”
Der Abend der Uraufführung enthielt für mich all die Widersprüche und Gleichzeitigkeiten, die mit dem sichtbar Queersein in unserer Zeit einhergehen. Ich will nicht zu viel spoilern, aber: “Es werden Küsse fallen”, wie sie bei Princess Charming sagen würden. Und es fallen auch Schüsse.
Und immer mehr Männer
folgten dem kehligen Jaulen.
Es war kein unangenehmes Geräusch
kein Gebrüll,
kein Geschrei,
sondern vielmehr ein freundlicher Ruf.
Ein Mann
nach dem anderen
verschwand im Wald.
Der Gesang war unwiderstehlich:
Nie hatte irgendein Ding, ein Klang, ein Anblick
die Herzen der Männer im Dorf so berührt.
Sie meinten darin eine Wehmut und eine Sehnsucht zu hören, eine Hoffnung und eine Wärme,
ein tröstliches Versprechen.
Wer den Gesang vernahm, fühlte sich nicht mehr einsam und wusste, er musste ihm folgen.Kay Matter, “Autostrada Supertrans” (Schweizer Originaltitel: “Stützliwösch Supertrans”
Mit STÜTZLIWÖSCH SUPERTRANS ist für mich ein Traum wahr geworden. Ich habe mir schon lange gewünscht, am Theater mit einem Team zu arbeiten, das sich aus Freund*innen, Bekannten und Unbekannten zusammensetzt, die größtenteils aus einer queeren, bzw. grundsätzlich nicht-normativen (nicht-weißen/lower social class/neurodivergenten/…)Perspektive arbeiten; die aus einer Perspektive jenseits des Zentrums entwerfen, recherchieren, Monologe auswendiglernen, Probenpläne schreiben, Säume abstecken. Was ich mir auch gewünscht habe: näher an der Bühne zu schreiben. Das hat geklappt. Und noch so vieles mehr. Ich hatte das Glück, mit einem Dramaturgie-Team zusammenzuarbeiten, das mir vertraute und von Anfang an für meine durchgeknallten Ideen zu haben war. Es ist für mich unbeschreiblich, ausgerechnet am Schauspielhaus Zürich, dem Theater, an dem ich zum allerersten Mal überhaupt ein Theaterstück gesehen habe, eine Geschichte erzählen zu können, die so viele Menschen erreicht. Wenn ich in der Stadt bin, werde ich von Theaterabonnent*innen Ü70 angesprochen, auf Instagram schreiben mir queere Teenager, die sich die Episoden dreimal hintereinander angeschaut haben. Gerade angesichts der aktuellen politischen Situation in Europa und weltweit bedeutet mir das unfassbar viel. Trotz und wegen allem fühle ich gerade wieder mehr denn je, was es für ein Geschenk ist, schreiben und zu einem Publikum sprechen zu dürfen.
Inzwischen gibt es auch eine Verlagsfassung des Textes, die man hier als PDF bestellen kann. Die Inszenierungen UNO, DUE und TRE sind weiterhin am Schauspielhaus Zürich zu sehen. Im Februar gibt es außerdem zum ersten Mal die Möglichkeit, in einem Binge Watch alle drei Episoden am Stück zu sehen – hier gibt es dafür Karten. Bei den Triple-Vorstellungen am 20.2., 28.2., 18.3. und 21.3. können alle, die im Pyjama kommen, cute Preise gewinnen, verlost von magnificent Yuvviki Dioh!
Haltet durch & passt auf euch auf
Kay
[English]
I am writing this text on the ICE train on my way back from my premiere in Zurich. I can no longer travel on the Intercity Express without thinking about the US deportation police. While my protagonists race toward the green sea on the A6, a.k.a. Autostrada Verdemare, the high-speed train shoots through the South German twilight in shades of pink and azure blue with me inside.
A week ago Saturday, the third part of my trilogy STÜTZLIWÖSCH SUPERTRANS, created for the Schauspielhaus Zürich, premiered. Almost two years have passed between my first dialogue sketches in February 2024 and the premiere of STÜTZLIWÖSCH SUPERTRANS – TRE. At that time, I wrote the first 10 pages for Delfi Magazine. I want to say, “Back then, the world was still a different place.” But I don’t believe that statement: two years ago, the world was already exactly the same as the one that has led us to the reality we now live in.
Since rehearsals for STÜTZLIWÖSCH SUPERTRANS – UNO began in September, the threat to trans* people worldwide has increased dramatically: Germany wants to reintroduce lists containing the data of genderqueer and trans* people, historians say the US is in the early stages of a genocide against trans* Americans, and in the UK, trans* people now have to wait an average of 25 years for an initial appointment for gender reassignment surgery. While all this was happening, director Sarah* Claire Wray and the cast of STÜTZLIWÖSCH SUPERTRANS – TRE rehearsed the third part in the chamber of the Schauspielhaus Zürich. A few days before the wolf moon, the first full moon of the year, the final episode, entitled CACCIA (Italian for “HUNT”), premiered.
Following the first two episodes, directed by Dennis Nolden (UNO) and Other Issues (DUE), TRE tells the eerie story of the Catholic villagers’ violent fixation on the “transsexual monster” they see in Matteo, the protagonist; of the hunt for the one who is different. They portray him as a hairy, greedy monster who poses a danger to the village.
They are a pack / of hyenas, showing you that nothing is wolf enough / when it is outnumbered. / [...] You do not have to be a wolf / to survive. You run off into the shadows, / tail between legs, but still breathing.
Logan February, “Self-Portrait as Pussyboy”
And more and more men
followed the throaty howl.
It was not an unpleasant sound,
not a roar,
not a scream,
but rather a friendly call.
One man
after another
disappeared into the forest.
The song was irresistible:
Never before had anything, any sound, any sight,
touched the hearts of the men in the village so deeply.
They thought they heard melancholy and longing in it, hope and warmth,
a comforting promise.
Those who heard the song no longer felt lonely and knew they had to follow it.
Kay Matter, “Autostrada Supertrans” (Swiss original title: “Stützliwösch Supertrans”)
With STÜTZLIWÖSCH SUPERTRANS, a dream has come true for me. I have long wanted to work in theater with a team made up of friends, acquaintances, and strangers, most of whom work from a queer or fundamentally non-normative (non-white/lower social class/neurodivergent/...) perspective; who design, research, memorize monologues, write rehearsal plans, and pin down details from a perspective beyond the center. I also wanted to write closer to the stage. That worked out. And so much more. I was lucky to work with a dramaturgy team that trusted me and was open to my weirdo ideas from the very beginning. It’s indescribable for me to be able to tell a story that reaches so many people at the Schauspielhaus Zürich, of all places, the theater where I saw a play for the very first time. When I’m in town, theater subscribers over 70 come up to me, and queer teenagers who have watched the episodes three times in a row write to me on Instagram. Especially given the current political situation in Europe and around the world, this means an incredible amount to me. Despite and because of everything, I feel more than ever what a gift it is to be able to write and speak to an audience.
There is now also a published version of the text, which can be ordered here as a PDF. The productions UNO, DUE, and TRE can still be seen at the Schauspielhaus Zurich. In February, there will also be the first opportunity to watch all three episodes in one go in a binge watch – tickets are available here. At the triple performances on February 20, February 28, March 18, and March 21, anyone who comes in their pajamas can win cute prizes, raffled off by the magnificent Yuvviki Dioh!
Hang in there & take care of yourselves.
Kay




